stern-Serie: Alternative Medizin
Teil 7
Heilen mit den Händen

© Stephan Elleringmann
Mal sanft, mal deutlich spürbar: Rolfing-Therapeuten
arbeiten mit ihren Fingern, Händen und Ellbogen, dringen
tief ins Gewebe der Patienten, lockern es und lösen
blockierte Gelenke. |
Fast überall auf der Welt wird geknetet, gedrückt
und geklopft, um körperliche Leiden zu lindern.
Auch wenn es manchmal wehtut: Die meisten Methoden bergen
nur geringe Risiken.
Die erste Berührung entscheidet. Wie fühlt
die Hand sich an: weich, trocken, fest und kräftig?
Ist die Berührung respektvoll und kompetent, kein
zögerndes Tasten, kein ruppiges Zupacken, sondern
ein sicherer Griff? Ist die Kraft zu spüren, die
den Nacken eines Bauarbeiters durchwalken kann, und die
Sanftheit, die die Schmerzen einer 80-Jährigen zu
lindern vermag?
|
Die ersten drei Sekunden entscheiden. Dann spürt ein
Patient, ob er sich dieser Hand anvertrauen kann.
Manuelle
Therapien, wie sie im Fachjargon heißen, gehören
zu den ältesten Heilmethoden der Menschheit. Wir wenden
sie bei uns selbst an, ohne darüber nachzudenken: reiben
uns bei Kopfschmerzen die Schläfen, massieren uns den
verspannten Nacken, den Arm, den wir uns an der Tür gestoßen
haben. Wir setzen damit unwillkürlich einen heilenden
Prozess in Gang: Sobald Haut auf Haut trifft, entsteht ein
Reiz, der von den Tastkörperchen aufgenommen und blitzschnell über
Nervenbahnen und Rückenmark ans Gehirn weitergeleitet
wird. Durch den Druck warmer Hände wird das Hormon Oxytocin
freigesetzt, das Stress mindert, Angst nimmt und Schmerzen
lindert. Zugleich regt die Massage die Produktion von Endorphinen,
so genannten Glückshormonen, an. Wir fühlen uns wohler,
atmen ruhiger, relaxen.
Manuelle Therapien sind eine sinnliche Art zu heilen. Meist
schon während der Behandlung, spätestens aber, wenn
wir von der Liege aufstehen, spüren wir den Effekt. Wir
sind beweglicher und entspannter geworden, gelöst im eigentlichen
Sinn des Wortes: Wir richten uns auf, lassen die Schultern
fallen, können wieder tief durchatmen.
Das tut Not in einer Zeit, in der die Menschheit gleichsam am
Stock geht. Die Weltgesundheitsorganisation beziffert die Zahl
der Erkrankungen am Muskel-Skelett-System mit mehreren hundert
Millionen weltweit. In Deutschland sind Rückenleiden die
Volkskrankheit Nummer eins. Ihretwegen kommen jedes Jahr 300
000 Menschen ins Krankenhaus, sie sind der Grund für 70
Millionen Fehltage. Bis zum 24. Lebensjahr hat bereits jeder
zweite unter Rückenschmerzen gelitten, bei den über
55-Jährigen sind es 60 Prozent. Geschätzte Kosten für
die Volkswirtschaft: 25 Milliarden Euro pro Jahr.
Der Muskel schreit nach Blut
Ein Gutteil der Probleme liegt in unserer Lebensweise begründet:
Wir sitzen zu viel, treiben zu wenig Sport und haben zu viel
Stress. Das nimmt die Muskulatur übel. Sie erschlafft dort,
wo sie kräftig sein müsste - von der Halswirbelsäule
bis zum Becken -, und ist ständig unter Spannung, wo diese
nicht gebraucht wird: im Nacken. Ein überhöhter Ausstoß von
Adrenalin führt zu einem Muskelhartspann, im Volksmund Verspannung
genannt. Die Kraftpakete ziehen sich zusammen, die feinen Gefäße
haben weniger Platz und können nicht mehr so viel Blut durchlassen.
Darum wird der Muskel nun schlechter mit Nährstoffen versorgt,
und auch der Abtransport der Stoffwechselprodukte, etwa Milchsäure,
ist behindert. Die Folge: Der Muskel schmerzt - "er schreit
nach Blut", wie Bruno Blum, Bundesvorsitzender des Verbandes
Physikalische Therapie und Masseur der deutschen Schwimm-Nationalmannschaft,
es formuliert.
Aber nicht nur Verspannungen machen uns zu schaffen. Vernarbungen
des Bindegewebes infolge von Verletzungen oder Operationen
und Muskelverkürzungen nach längerer Ruhigstellung
können dazu führen, dass Gelenke in ihrer Beweglichkeit
eingeschränkt werden. Nach Entzündungen, Reizungen
oder starker Druckbelastung kann es zu Verwachsungen des Bindegewebes
kommen (oft auch "Verklebungen" genannt). Wer sich
dann schont, wird noch steifer.
Dem Körper seine Beweglichkeit zurückgeben: Das
ist das Ziel der meisten manuellen Therapien. Die Wege, dorthin
zu kommen, sind vielfältig. Die Behandlungsmethoden stammen
aus verschiedenen Kulturkreisen, sie beruhen auf höchst
unterschiedlichen Vorstellungen davon, wie Prozesse im Körper
des Menschen ablaufen. Eines ist ihnen gemeinsam: Sie bergen,
bis auf wenige Ausnahmen, nur geringe Risiken. Aber ob sie
tatsächlich bei allen Beschwerden, gegen die sie zum Einsatz
kommen, wirksam sind, ist wissenschaftlich nicht gesichert.
Oft lässt sich schwer sagen, ob die Linderung oder Heilung
von Beschwerden auf der Methode selbst beruhen oder ob nicht
schon die intensive Zuwendung segensreich wirkt. Gerade bei
Rückenschmerzen kommt es außerdem häufig zu
Spontanheilungen: Nach zwei Monaten ist alles vorbei - mit
oder ohne Therapie.
© Stephan
Elleringmann
Bruno Blum, Masseur der deutschen Schwimm-Nationalmannschaft,
bearbeitet den
Athleten Carsten Dehmlow
Besonders gut durch Studien belegt sind die Wirkungen der
klassischen Massage. Sie wurde zu Beginn des 19. Jahrhunderts
vom schwedischen Heilgymnasten Per Hendrik Ling entwickelt
(und trägt daher den Beinamen "schwedische Massage").
Folgende Techniken wendet der Masseur an:
1. Streichungen: Sie bauen den Kontakt zum Patienten auf,
der Masseur erspürt Verspannungen und Verhärtungen.
Die Griffe regen den Fluss von Blut und Lymphe an.
2. Knetungen: Sie lockern verspannte und harte Muskeln, machen
sie wieder weich und elastisch, die Muskelspannung normalisiert
sich. Die gesteigerte Durchblutung sorgt für eine bessere
Versorgung mit Sauerstoff und Nährstoffen, Endprodukte
des Stoffwechsels können ausgeschwemmt werden. Schon wenige
Minuten Massage reichen, um einen ermüdeten Muskel wieder
voll leistungsfähig zu machen.
3. Reibungen: Bei der Oberflächentechnik bewegt der Masseur
die Hände in schneller Folge hin und her, was die Haut
erwärmt. Bei der "tiefdringenden Reibung", die
schmerzhaft sein kann, dringen die Fingerkuppen weiter vor
und massieren den Muskel in der Tiefe.
4. Klopfungen: Die kurzen Schlagbewegungen verbessern die
Durchblutung. Klopfmassagen des Brustkorbs und des Rückens
können einen Sekretstau in den Bronchien auflösen
helfen.
5. Vibrationen: Feinste schwingende Bewegungen der flachen
Hand hemmen Schmerzen in der Muskulatur und regulieren deren
Grundspannung.
Die Indikationen, bei denen die klassische Massage eingesetzt
wird, sind breit gefächert. Nach den Erfahrungen von Masseuren,
die teilweise von Studien gestützt werden, reguliert sie
die Muskelspannung, steigert den Blut- und Lymphfluss, hilft
Rheuma- und Rückenschmerz-Patienten, kann Narbengewebe
elastischer machen, den Muskelabbau bei bestimmten Lähmungen
verzögern und Verstopfungen beheben. Es gibt sogar Hinweise,
dass zu früh geborene Kinder schneller zunehmen, wenn
sie massiert werden.
| Bücher |
Margaret Hollis: Therapeutische Massage,Urban & Fischer
2000, 19,95 Euro. Detaillierte Beschreibung des Behandlungsablaufs
sowie der einzelnen Griffe und Techniken
Michael Földi, Roman Strößenreuther:
Grundlagen der manuellen Lymphdrainage, Urban & Fischer
2003, 17,95 Euro. Skizziert werden Theorie und Praxis
der manuellen Lymphdrainage
Volker Knott: Lehrbuch der Chiropraktik und manuellen
Gelenktherapie. BoD GmbH 2003, 29,90 Euro. Das Fachbuch
benennt Techniken und Anwendungsgebiete, Grenzen und
Risiken der Chiropraktik
Christoph Newiger: Osteopathie. Sanftes Heilen mit den
Händen, Trias 2001, 12,95 Euro. Der Autor informiert
verständlich über Möglichkeiten, Ablauf
und Grenzen der osteopathischen Behandlung
Peter Schwind: Alles im Lot. Eine Einführung in
die Rolfing-Methode, Droemer Knaur 2003, 8,90 Euro. Beschrieben
werden die klassischen zehn Behandlungsschritte und ihre
Wirkung auf die Körperhaltung - mit einem Übungsprogramm
für zu Hause
Hanne Marquardt: Reflexzonenarbeit am Fuß, Karl
Haug 2001, 24,95 Euro. Ein Standardwerk, das mit vielen
Fallbeispielen in die Funktionszusammenhänge einführt
Franz Wagner: Akupressur. Heilung auf den Punkt gebracht.
Gräfe & Unzer 1999, 10,90 Euro. Eine Anleitung
zur schnellen Selbsthilfe, die über einzelne Punkte
und die richtigen Grifftechniken informiert
|
Optimal bewegen
Vor Beginn der Therapie steht in der Regel die Überprüfung
der Haltung. "Wenn ich am Beckenrand stehe, sehe ich sofort,
ob sich die Schwimmerin Sandra Völker optimal bewegt",
erzählt Bruno Blum. "Wenn nicht, werde ich sie über
kurz oder lang wegen Schmerzen behandeln müssen. Dasselbe
gilt für uns alle. Wenn wir uns falsch bewegen oder Fehlhaltungen
einnehmen, kann das die verschiedensten Beschwerden auslösen."
Der Körper hat ein Gedächtnis. Er reagiert auf eine
Verletzung mit einer Veränderung der Bewegungen, um die
verletzte Stelle zu schonen. Wenn wir uns den rechten Fuß verstaucht
haben, belasten wir den linken deutlich stärker. Ist die
Verletzung langwierig, richten sich Muskulatur und Gewebe darauf
ein. Sie speichern die Information "rechten Fuß entlasten".
Eine entscheidende Rolle spielen dabei die so genannten Triggerpunkte.
Werden diese Punkte - sie entsprechen zu einem guten Teil den
Akupunktur-Punkten der Traditionellen Chinesischen Medizin
- durch Entzündungen, Verletzungen oder Überlastungen
aktiviert, schmerzt der Muskel, er zieht sich zusammen. Obwohl
der rechte Fuß längst wieder funktionsfähig
ist, neigen wir dazu, weiter zu hinken. Ein Beckenschiefstand
kann die Folge sein, der wiederum Schmerzen im Lendenwirbelbereich
auslöst.
Ein guter Therapeut weiß, welche Ursache welche Folgen
haben kann. Einer, der die Rückenschmerzen nach einer Fußverstauchung
als isoliertes Symptom behandelt, wird hingegen höchstens
vorübergehend Linderung erreichen. Nur, wer bei seinem Patienten
Abweichungen vom natürlichen Bewegungsablauf erkennt, kann,
ausgehend von einer eventuellen Verletzung, einer ganzen Kette
von aktivierten Triggerpunkten auf die Spur kommen, sie jeweils
mit langsamen, kreisenden Bewegungen der Fingerkuppe massieren,
anschließend die Muskeln dehnen, ihre Durchblutung anregen
und den Behandelten so wieder beweglicher machen. "Wenn
ich einen aktivierten Triggerpunkt massiere, tut das ziemlich
weh: auf einer Schmerzskala von null bis zehn etwa bei sieben",
erläutert Bruno Blum. "Aber danach ist der Schmerz
weg und eine Blockade kann sich vollständig aufgelöst
haben. Die Kunst ist, die Punkte zu finden." Ohne ausgezeichnete
Kenntnisse der Anatomie geht gar nichts.
Das gilt für alle manuellen Therapien, auch für
das "Rolfing". In den sechziger Jahren von der Amerikanerin
Ida Rolf entwickelt, steht diese Methode im Ruf, schmerzhaft
zu sein. Nicht zu Unrecht. Nach einer ausführlichen Anamnese
begutachtet der Hamburger Rolfer Klaus Siebert sorgfältig,
wie Walter Rieder (Name geändert), mit Unterhose bekleidet,
im Behandlungszimmer auf und ab geht. Sieberts Diagnose: leichtes
Hinken, Außenrotation der Füße beim Gehen,
Beckenschiefstand, Wirbelsäule nicht in natürlicher
Doppel-S-Form, starke Verkürzung der Nackenmuskulatur.
Viel zu tun.
© Stephan
Elleringmann
Geschulte Augen:
Angehende Osteopathen lernen, das menschliche
Muskelspiel zu begutachten und Haltungsschäden zu erkennen
Manche Berührungen sind kaum zu spüren: ein vorsichtiges
Tasten an der Halswirbelsäule, sanfte Korrekturen an
der Stellung der Füße. Aber hin und wieder beißt
der Patient auch auf die Zähne. Mit kräftigen Händen,
manchmal mit dem Ellbogen, arbeitet sich Siebert durch schmerzende
Körperpartien, greift tief hinein und zieht mit seinen
Fingerkuppen die Muskeln auseinander. Rolfing zielt vor allem
auf die Faszien, Schichten von Bindegewebe, die Muskeln in
ihrer Form halten und die miteinander verbunden sind. Wenn
das Bindegewebe fest ist, die Muskeln kräftig sind,
dann muss der Therapeut kräftig zulangen.
"Rolfing ist eine ausgezeichnete Prävention und
Behandlung von chronischen Beschwerdebildern", lobt Gerold
Schwartz, Orthopäde und Mannschaftsarzt der Bundesligafußballer
des HSV. "Wir Ärzte können den Schaden an der
Struktur beheben, die Entzündung, den akuten Bandscheibenvorfall.
Aber wenn Sie länger als ein Jahr unter einem eingeklemmten
Ischiasnerv gelitten haben, dann ist daraus ein chronisches
Schmerzsyndrom geworden. Dagegen komme ich mit Spritzen nicht
an, dazu braucht es die beharrliche Körperarbeit eines
Rolfers oder Osteopathen." Patienten seiner Praxis schickt
er zu Klaus Siebert, die HSV- Kicker werden vom eigenen Krankengymnasten
Thomas Marquardt behandelt. Der hat eine Zusatzausbildung als
Osteopath.
Die Osteopathie ist der Ursprung des Rolfings. Sie wurde Ende
des 19. Jahrhunderts von dem amerikanischen Arzt Andrew Taylor
Still entwickelt. Der vertrat die eigenwillige Anschauung,
dass sich jeder Bereich des Körpers in ständiger
Bewegung befinde, und zwar nicht nur das Muskel-Skelett-System,
sondern auch die Organe. Jede Einschränkung dieser Beweglichkeit
könne Krankheiten auslösen. Osteopathen wollen Spannungen
im Körper ertasten und zu ihren Ursprüngen, etwa
Verletzungen, zurückverfolgen. Mit feinen Handbewegungen,
mit Dehnung und Druck, lockern sie dann das Gewebe, um die
Bewegung zu fördern. Der Effekt: Die Lockerung führt
zu einem verstärkten Fluss von Blut und Lymphe, sodass
Gewebe und Organe mit mehr Nährstoffen versorgt werden
und Stoffwechselprodukte besser abfließen können.
Der Chiropraktik gesteht die Wissenschaft therapeutische Wirkung
bei Rückenschmerzen zu. Aber sie gilt als besonders ruppige
Heilmethode und ist vor allem bekannt für das wuchtige "Einrenken" von
Wirbeln, das von einem lauten Knacken begleitet wird.
| Adressen |
Informationen zu den einzelnen Therapieformen,
zu Ausbildung und qualifizierten Praktikern erhalten
Sie über
die Fachverbände und Lehrstätten:
Klassische Massage:
Verband physikalische Therapie.
Vereinigung für die
physiotherapeutischen Berufe.
Bundesgeschäftsstelle,
Hofweg 15, 22085 Hamburg,
Tel.: 040/22 72 32 22,
www.vpt-online.de
Lymphdrainage:
Deutsche Gesellschaft für Lymphologie,
Lindenstraße 8, 79877 Friedenweiler,
Tel.: 07651/97
16 11,
www.dglymph.de
Chiropraktik und Chirotherapie:
- Deutsche
Gesellschaft für Chirotherapie,
Max-Brod-Weg
14, 70437 Stuttgart-Freiberg,
Tel.: 0711/84 17 66,
www.chirotherapie.net
- Verband graduierter Chiropraktoren Deutschlands,
Ingrid
White, Alleestr. 10, 67655 Kaiserslautern,
Tel.: 0631/923
56,
www.chiropraktik.de
- Bund deutscher Chiropraktiker e. V.,
Fuggerstr. 33,
10777 Berlin,
Tel.: 030/23 51 68 30,
www.chiropraktik-bund.de
Osteopathie:
Verband der Osteopathen
Deutschland e. V.,
Untere Albrechtstr. 5, 65185 Wiesbaden,
Tel.: 0611/910
36 61,
www.osteopathie.de
Rolfing:
European Rolfing Association e. V.,
Nymphenburgerstraße
86, 80636 München,
Tel.: 089/54 37 09 40,
www.rolfing.org
Fußreflexzonentherapie:
Lehrstätte Hanne
Marquardt,
Prof.-Domagk-Weg 15, 78126 Königsfeld-Burgberg,
Tel.: 07725/71 17,
www.fussreflex.de
Shiatsu:
Gesellschaft für Shiatsu in Deutschland,
Beerenweg 1 D, 22761 Hamburg,
Tel.: 040/85 50 67 36,
www.shiatsu-gsd.de
|
Sanfte Korrektur
Mark Styers vertritt die andere Schule der Chiropraktik.
Der in Hamburg arbeitende Amerikaner bevorzugt sanfte Korrekturen
an der Wirbelsäule. Sie sollen Blockierungen beseitigen
- Bewegungseinschränkungen der Gelenke, die häufig
von verhärteter oder verkrampfter Muskulatur in der
Umgebung herrühren. Bei Sven Lankau hatte die Methode
Erfolg. Der 16-jährige war vor einem Jahr nach einem
Sturz von einem Orthopäden falsch behandelt worden.
Das Hüftgelenk des Jungen war völlig verschoben,
er hatte furchtbare Schmerzen, konnte sechs Monate nicht
zur Schule und lief an Krücken. Eine Klinik in Kiel
empfahl ein künstliches Hüftgelenk. Nach fünf
Wochen Behandlung bei Styers lief Sven zum ersten Mal wieder
ohne Krücken. Heute kann er sich, unterstützt durch
Fitnesstraining, immer besser bewegen und hofft, bald völlig
schmerzfrei laufen zu können.
Die Chiropraktik arbeitet vor allem mit zwei Techniken: der
Mobilisation und der Manipulation. Bei der Mobilisation führt
der Therapeut ein blockiertes Gelenk durch gezielte Bewegungen
langsam an das mögliche Bewegungsende heran, überschreitet
aber nicht die Bewegungsgrenze, die zugleich die Grenze zum
Schmerz markiert. Bei der Manipulation wird danach das Gelenk
mit einem kurzen, gezielten Stoß über den Widerstand
hinausgeführt. Aber die Folgen können womöglich
dramatisch sein: Die Manipulation an der Halswirbelsäule
steht unter dem Verdacht, Schlaganfälle auslösen
zu können. Kritiker der Methode fürchten, dass durch
den kräftigen Ruck möglicherweise eine der vier Haupt-Arterien,
die das Gehirn mit Blut versorgen, einreißt. Dann entstehe
womöglich in der Arterie ein Blutpfropf, der schlimmstenfalls
die Blutzufuhr zum Gehirn verstopfen und einen Schlaganfall
auslösen könne. Manipulationen an der Halswirbelsäule
werden - wenn auch sehr selten - ebenfalls von Osteopathen
angewendet.
Unangemessener Krafteinsatz des Behandlers: Das ist das größte
Risiko, das Patienten bei manuellen Therapien entsteht. Natürlich
bedarf es für einen Masseur keiner großen Anstrengung,
mit seinen kräftigen Händen einer alten Frau die
Rippen zu brechen. Sensibilität ist daher die wichtigste
Tugend eines Therapeuten. "Wer Kraftsport macht oder viel
Tennis spielt, den können wir nicht gebrauchen",
sagt Physiotherapeut Bruno Blum. "Die Hände werden
durch die Schwielen gefühllos." Freilich hilft Sensibilität
nur, wenn sie gepaart ist mit einer ausgezeichneten Kenntnis
der Anatomie und der anzuwendenden Techniken. Und daran hapert
es bei so manchem Therapeuten. Denn wie viele Stunden ein Heilpraktiker,
ja mancher Arzt tatsächlich damit zugebracht hat, sich
in einer manuellen Therapie ausbilden zu lassen, ist in den
meisten Fällen nicht gesetzlich geregelt. Deswegen ist
es umso wichtiger, auf die Mitgliedschaft in den entsprechenden
Berufsverbänden zu achten, die auf eine sorgfältige
Aus- und Weiterbildung Wert legen.
Ein wichtiger Punkt in jeder seriösen Ausbildung ist
das Abschätzen der eigenen Möglichkeiten. "Ich
arbeite nur mit Therapeuten zusammen, die ihre Grenzen kennen",
sagt der Orthopäde Gerold Schwartz. "Ein akuter Bandscheibenvorfall
ist allein Sache des Arztes." Edzard Ernst, Professor
für Komplementärmedizin an der Universität Exeter,
nennt ein Beispiel: "Die Fußreflexzonentherapie
hat bei funktionellen Störungen durchaus ihre Wirkungen.
Aber ein Therapeut, der behauptet, Diabetes heilen zu können,
ist gemeingefährlich."
© Stephan Elleringmann
Der Hamburger Chiropraktiker Mark Styers will Blockierungen
der Gelenke beheben - aber ohne die Bewegungs- und Schmerzgrenze
zu überschreiten
Im Unterschied zu den anderen Methoden arbeitet die Fußreflexzonentherapie
nicht am ganzen Körper, sondern beschränkt sich
auf die Massage der Füße. Auf dem Fuß, meinte
ihr amerikanischer Begründer William Fitzgerald, befinde
sich eine "Landkarte des Körpers", bestimmte
Punkte - die "Reflexzonen" - korrespondierten mit
allen Partien des Organismus. Löse etwa der Druck des
Therapeuten auf den "Stirnhöhlenpunkt" Schmerzen
aus (er wird an den Spitzen der großen Zehen verortet),
sei das ein Hinweis auf eine Stirnhöhlenvereiterung,
die durch die Massage behandelt werden könne.
Wissenschaftler widersprechen. Edzard Ernst nennt die Vorstellung
einer Landkarte des Körpers "naiv". In einer
Studie, die Ernst selbst anstellte, blamierten sich zwei Reflexologen,
als sie bei 18 Patienten sechs Krankheiten diagnostizieren
sollten: Ihre Ergebnisse hatten mit den tatsächlichen
Beschwerden kaum etwas zu tun und widersprachen sich überdies. "Aber",
räumt der Professor ein, "eine gute therapeutische
Maßnahme kann durchaus auf einer falschen Annahme basieren." So
bewies eine Studie an der Universität von Innsbruck, dass
Fußreflexzonentherapie tatsächlich die Durchblutung
des Darms und der Niere anregen kann. Außerdem gibt es
Hinweise, dass die Methode bei der Behandlung von chronischen
Kopfschmerzen funktioniert.
Auch viele asiatische Techniken gehen von Grundannahmen aus,
die für die westliche Medizin nicht nachvollziehbar sind:
etwa von der Existenz so genannter Meridiane und einer in ihnen
fließenden Qi-Energie. Die Behandlung der sensiblen Punkte,
die auf diesen Meridianen liegen sollen, kann jedoch durchaus
Wirkung zeigen. Bei der Akupressur, einer jahrtausendealten
Massagetechnik, werden sie in kreisender Bewegung mit der Kuppe
des Zeigefingers oder Daumens mit langsam gesteigertem Druck
bearbeitet - was die Muskulatur entspannt und die Durchblutung
verbessert. Das Shiatsu hingegen verbindet die Erfahrungen
der Akupressur mit Massagetechniken wie Dehnungen und Gelenkrotationen.
Der Masseur arbeitet sich mit Fingern, Handflächen, manchmal
auch mit Ellbogen und Füßen, an den angenommenen
Meridian-Linien entlang. Die Methode kann nicht nur Verspannungen
lösen, sondern ist, wie Studien belegen, auch geeignet
zur Behandlung von Schmerzen im unteren Rücken.
Balsam für die Seele
Eines ist fast allen manuellen Therapien gemeinsam: Sie berühren
nicht nur Haut, Muskeln und Gelenke, sondern auch die Psyche. "Wir
wissen, dass zum Beispiel die klassische Massage bei verschiedenen
psychischen Erkrankungen hilft, bei Depressionen etwa oder Angstzuständen",
berichtet Edzard Ernst. "Der Patient muss sich dem Therapeuten öffnen,
und er verbringt viel Zeit mit ihm. Dabei kommen sehr häufig
Emotionen zum Vorschein - eine spezifische Stärke der manuellen
Therapien." Diese Emotionen, auch einen Gefühlsausbruch,
müssen Behandler auffangen können. "Viele von
ihnen sind charismatische Persönlichkeiten", hat Ernst
beobachtet. Der Masseur und Fachlehrer Bruno Blum bringt seine
Erfahrung aus 43 Berufsjahren auf den Punkt: "Ein Masseur,
der nicht auch ein Psychologe ist, kann kein guter Masseur sein." Zu
einer heilenden Hand gehört immer ein wacher Kopf.
Sven Rohde
Mitarbeit: Claudia Bahnsen, Ingrid Lorbach
Wissenschaftliche Beratung: Prof. Edzard Ernst, Lehrstuhl
für Komplementärmedizin, Universität Exeter
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